Zusammenfassung
Antrag des Sozial-Ausschusses
Verhandlungsgegenstand
- VerhandlungsgegenstandLtg.-869/XX-2025 – NÖ Kinder- und Jugendhilfebericht 2024
Berichterstatterin
Redner
- Edith Kollermann (NEOS) Tagesordnungspunkt 9 Video und Sitzungsbericht
- Silvia Moser (GRÜNE) Tagesordnungspunkt 9 Video und Sitzungsbericht
- Karin Scheele (SPÖ) Tagesordnungspunkt 9 Video und Sitzungsbericht
- Edith Mühlberghuber (FPÖ) Tagesordnungspunkt 9 Video und Sitzungsbericht
- Doris Schmidl (ÖVP) Tagesordnungspunkt 9 Video und Sitzungsbericht
Abstimmung
Antrag angenommen: Zustimmung ÖVP, FPÖ, SPÖ, Ablehnung GRÜNE, NEOS
Video-Übertragung der Sitzung
Den textlichen Auszug des Sitzungsberichts finden Sie nach dem Video.
Auszug aus dem Sitzungsbericht
Dritte Präsidentin Schmidt: Wir kommen zum Verhandlungsgegenstand Ltg.-869, Bericht der Landesregierung betreffend der NÖ Kinder- und Jugendhilfeberichtes 2024. Ich ersuche Abgeordnete Hahn, die Verhandlungen einzuleiten.
Berichterstatterin Abg. Hahn, MEd MA (SPÖ): Vielen Dank, Frau Präsidentin! Geschätzte Frau Landesrätin! Hoher Landtag! Ich erstatte Berichte über den Jahresbericht der Kinder- und Jugendhilfe 2024 mit der Ltg.-869. Der Bericht zeigt deutlich steigende und komplexer werdende Unterstützungsbedarfe von Kindern, Jugendlichen und Familien, insbesondere durch psychische Belastungen, Überforderungssituationen in Familien- und Kindeswohlgefährdungen. Gleichzeitig dokumentiert er den breiten Einsatz ambulanter, stationärer und präventiver Angebote, den Ausbau niederschwelliger Hilfen wie "Frühe Hilfen" und Familienhilfe sowie die enge Zusammenarbeit vieler Professionen mit klarem Fokus auf Kinderschutz und Stärkung der Familien. Der Bericht liegt Ihnen in vollem Umfang vor. Daher komme ich gleich zum Antrag des Sozial-Ausschusses über den Bericht der Landesregierung betreffend NÖ Kinder- und Jugendhilfebericht 2024.
"Der Hohe Landtag wolle beschließen:
Der Bericht der Landesregierung betreffend NÖ Kinder- und Jugendhilfebericht 2024 wird zur Kenntnis genommen."
Ich ersuche um Einleitung der Debatte und um Abstimmung. Vielen Dank.
Dritte Präsidentin Schmidt: Danke schön. Ich eröffne die Debatte. Zum Wort gelangt Abgeordnete Edith Kollermann, NEOS.
Abg. Mag. Kollermann (NEOS): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Landesrätin! Kolleginnen und Kollegen! Wir diskutieren heute den Kinder- und Jugendhilfebericht für 2024, ein Papier voller Zahlen, Tabellen und Fakten. Und ja, der Bericht macht eines unmissverständlich klar: Die Kinder- und Jugendhilfe ist kein Randthema. Sie zählt zum Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Aber – und das ist der entscheidende Punkt meiner heutigen Kritik – ein Bericht darf nicht nur ein Rückspiegel sein. Wenn wir diesen Bericht lesen, dann sehen wir, wo wir herkommen, wo es brennt. Aber was ich schmerzlich vermisse, das sind die Schlussfolgerungen daraus. Ich vermisse die klare Antwort auf die Frage: Wohin soll die Reise gehen? Denn Berichte müssen etwas bewirken, Berichte für die Schublade brauchen wir nicht. Der Bericht zeigt uns eine gefährliche Entwicklung. Die Belastungen nehmen massiv zu, psychische Krisen, soziale Isolation, familiäre Brüche. Doch wie reagieren wir darauf? Wir stecken drei Viertel der Mittel in die sogenannte "volle Erziehung", also in die stationäre Unterbringung. Und verstehen Sie mich nicht falsch, das Angebot, das wir hier haben, das ist notwendig. Aber wenn das teuerste und intensivste zur Regel wird, dann haben wir in der Politik schon vorher etwas sehr falsch gemacht. Wo bleibt die Ambition, das System vom Kopf auf die Füße zu stellen? Wir reden immer von Prävention, aber das Budget spricht eine andere Sprache. Wir betreiben eine teure Reparaturpolitik, statt endlich mutig in die echte Zukunftspolitik zu investieren, bevor das Kind sprichwörtlich in den Brunnen gefallen ist. Jetzt kommen wir zum Mittelfeld-Dilemma in Niederösterreich. Wenn man bedenkt, wie oft die Regierungsparteien die Phrase "Niederösterreich ist Vorreiter" verwendet, dann wird uns mit diesem Bericht wieder einmal ein Faktencheck präsentiert. Wir liegen im Mittelfeld. Von den österreichweit betreuten Kindern sind... über 25 Prozent dieser betreuten Kinder leben in Niederösterreich. Das ist deutlich über unserem Bevölkerungsschnitt. Und bei den Pro-Kopf-Ausgaben liegen wir mit 290 Euro weit hinter den anderen Bundesländern zurück und das ist aber kein Zeugnis von Effizienz, sondern eines von enormem Druck. Wir haben hohe Fallzahlen bei vergleichsweise niedrigen Mitteln und eine starke Fixierung auf stationäre Maßnahmen. Dieses Spannungsfeld zerreißt uns die Qualität beim Personal und es verbrennt unser Personal. Wenn wir hier nur den Status quo verwalten, dann lässt das die Ambition vermissen, Niederösterreich zum Vorreiter für Kinderschutz und Chancengerechtigkeit zu machen. Das Problem Fachkräftemangel/Bürokratie, das haben wir natürlich auch hier. Der Bericht beschreibt den Fachkräftemangel auch treffend als Herausforderung. Aber wo ist der Plan gegen die Bürokratiewelle? Gute Jugendhilfe entsteht ja nicht durch das Ausfüllen von Formularen, sondern durch direkte Beziehungsarbeit, Vertrauensaufbau. Wir brauchen nicht mehr Verwaltung, wir brauchen mehr Zeit am Menschen. Wir fordern flexiblere Ausbildungswege und bessere Arbeitsbedingungen, und zwar jetzt und nicht erst im nächsten Bericht oder erst irgendwann in den nächsten Jahren. Aber natürlich ist nicht alles schlecht. Bei aller Kritik möchte ich die Punkte herausgreifen, die Grund zur Zuversicht geben. Das Programm der "Frühen Hilfen", das wird österreichweit... also da wird Niederösterreich als Best Practice-Beispiel auch durchaus angeführt. Und das ist großartig. Auch die Koordination und Abstimmung der Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitssystem ist positiv zu bewerten, denn wo eine gute Vernetzung da ist, da kommen auch Ergebnisse, und da werden dann Krisen auch entschärft, bevor sie eskalieren. Und das ist auch der richtige Weg. Geschätzte Kolleginnen und Kollegen, dieser Bericht ist eine solide Bestandsaufnahme, aber es ist kein politisches Signal. Kinder- und Jugendhilfe ist nicht einfach nur ein Kostenfaktor, den man einfach nur verwalten darf, sie ist eine Investition. Wir als NEOS vermissen den Mut, Mittel radikal dorthin zu verschieben, wo sie nachhaltig wirken: in die ambulante Hilfe, in die Prävention, zu unseren Fachkräften. Ein „Weiter wie bisher“ wird den steigenden Fallzahlen nicht gerecht. Wir brauchen keine Verwaltung des Mangels. Wir brauchen Qualitätssteuerung mit klarer Zielrichtung. Nämlich den weiteren Fokus auf die "Frühen Hilfen", das ist offensichtlich ein Erfolgsmodell, wir brauchen mehr Schul- und Familiensozialarbeit, um auch die schlimmsten Fälle im Vorfeld schon erkennen zu können. Und die ganze Mental Health-Thematik, die kommt ja immer wieder in unterschiedlichen Rahmen, das muss man gesamt angehen. Da werden wir in den nächsten Wochen und Monaten wahrscheinlich noch sehr viel diskutieren und da werden alle, die, oder nicht alle, aber da wird ein Teil jener, die sagen, ja Kinderschutz ist wichtig, plötzlich von der großen Freiheit sprechen, die man den Kindern nimmt, wenn man sie vielleicht vor den Einflüssen von Social Media versucht zu schützen. Danken möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern draußen von ganzem Herzen, aber mein Dank reicht nicht aus. Sie verdienen ein echtes politisches Bekenntnis, das über Statistiken hinausgeht. Sie verdienen echte Reformen. Setzen wir endlich die Ambition an die erste Stelle, damit aus diesem Bericht beim nächsten Mal ein Fortschrittsbericht wird. Das ist ein kleiner Auftrag und wir werden dem Bericht hier nicht zustimmen, in der Hoffnung, dass das nächste Mal ein bisschen mehr von dieser Zukunftsorientierung zu lesen ist. Vielen Dank. (Beifall bei den NEOS.)
Dritte Präsidentin Schmidt: Zum Wort gelangt Abgeordnete Silvia Moser, GRÜNE.
Abg. Mag. Moser, MSc (GRÜNE): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Frau Landesrätin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Kinder- und Jugendhilfe, das ist ein Bereich, der für mich einer der wichtigsten für unsere Zukunft ist, einer der wichtigsten überhaupt. Und ich kann in weiten Teilen der Vorrednerin recht geben, werde mich da nicht wiederholen, nur ergänzen. Was mich einmal zu Beginn irritiert: Wir haben hier vorliegen den Bericht aus dem Jahr 2024. Jetzt haben wir 2026. Also da wundere ich mich schon – der Chef der Abteilung ist ja hier – wir wissen, dass die Zahlen auf Knopfdruck da sind. Es gibt ja umfangreiche Dokumentationssysteme. Was dauert denn da so lang, dass wir da so spät dran sind? Weil ich muss ehrlich sagen, die Zahlen werden ja großteils überholt sein. Aber immerhin positiv ist, dass der Bericht jährlich erstellt wird. Zu den Problemen der Kinder und Jugendlichen: Und hier haben wir ganz deutlich voran Stress, Einsamkeit, soziale Medien, Medienkompetenz und problematische Smartphone-Nutzung. Das sind einfach Themen, die uns mehr und mehr befassen, und da sollte auch das Weiterbildungsangebot angepasst sein. Das hinkt nämlich da hinterher. Wo bei mir aber alle Alarmglocken schrillen und was mir wirklich Sorge bereitet, das sind die Meldungen der Kindeswohlgefährdung, und zwar die Gründe für die Kindeswohlgefährdung. Da haben wir bisher immer vorangehabt, die körperliche Gewalt an der oder dem Minderjährigen. Falsch. Bisher war es immer Erziehungsüberforderung der erziehenden Personen und jetzt ist es die Gewalt an der oder dem Minderjährigen. Und das muss uns wirklich, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, sehr zu denken geben. Es zeigt sich natürlich hier auch dieser steigende Aggressionspegel insgesamt in unserer Gesellschaft und auch die niedriger werdenden Hemmschwellen. Schlimm auch, dramatisch, die Schulsozialarbeit hinkt dem Bedarf aber sowas von deutlich hinterher. Steht ja schön drinnen: 991 allgemeinbildende Pflichtschulen und davon sind 200 mit Schulsozialarbeit ausgestattet. Und da, ehrlich gesagt, da hoffe ich, dass diese Zahl überholt ist und im Jahr 2025 schon wesentlich mehr Schulen mit Schulsozialarbeit versorgt sind. Die wichtigste Drehscheibe für mich in der Kinder-/Jugendhilfe sind natürlich die Bezirksverwaltungsbehörden. Und seit ich hier im Landtag bin, ziemlich seit Beginn an, fordere ich die Aufstockung der Fachkräfte für soziale Arbeit an den Bezirkshauptmannschaften. Ungehört, selbstverständlich. Die haben einen schier unbewältigbaren Berg an Zuständigkeiten, neben den Aufgaben der Kinder-/Jugendhilfe, den gesamten Sozialbereich von Menschen mit Behinderungen, Menschen in Notlagen bis alte Menschen und Pflege. Und dabei bindet die Gefährdungsabklärung, also diese Abklärung der Meldungen, der eingehenden Meldungen, die ja unmittelbar erfolgen müssen, die meiste Kapazität der Sozialarbeiterin. Das halte ich für sehr dramatisch. Es bleibt kaum Platz mehr für ambulante Hilfen, geschweige denn für Sozialarbeit. Und ich wiederhole mich seit Jahren: Die Zusammenlegung von Kinder- und Jugendhilfe mit der Abteilung Soziales war diesbezüglich fatal. Und vielleicht fällt das auch einmal jemandem aus der Fachabteilung auf. Jedenfalls macht es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an den BHs enormen Stress, im Krisenfall für alles selbst zuständig zu sein. Die Gefährdungsabklärung, die Sozialdiagnose, die Maßnahmenplanung, Suche nach Krisenplätzen, Kriseneltern, Wohnplätzen und vieles mehr – alles selbst. Und da wundert es einen nicht, dass die Personalfluktuation entsprechend hoch ist, was ja unter anderem auch schon im Bericht des Landesrechnungshofs zur Kinder- und Jugendhilfe in Niederösterreich aufgezeigt wurde. Und es wäre halt manchmal wahrscheinlich hilfreich, wenn man hier mehr Unterstützung auch von der Fachabteilung im Amt der NÖ Landesregierung hätte. Was aber noch dazu gekommen ist – und da höre ich wirklich Klagen, das ist nämlich neu – es muss gespart werden. Und zwar wo muss gespart werden? Bei der Unterstützung der Erziehung. Und ich frage mich – ähnlich wie die Kollegin vorher – wie kurzsichtig ist das? Wir könnten ja sagen, wir haben in Niederösterreich ein Paradoxon der Mittelverteilung. Circa 80 Prozent der Kinder erhalten ungefähr 18,5 Prozent des Budgets im Sinn von Unterstützung der Erziehung, und 20 Prozent der betreuten Kinder verschlingen mehr als 75 Prozent des Budgets. Wir wissen es alle: Das ist die volle Erziehung. Das heißt, ein Kind in der vollen Erziehung kostet ungefähr 50.000 Euro, grob gesagt, eines mit ambulanter Hilfe ungefähr ein bisschen über 3.000 Euro. Das ist das 16-fache, was ein Kind in stationärer Betreuung kostet. Und wir sollten uns hier wirklich beim „Krawattl“ nehmen und auf Prävention setzen. Warum investieren wir nicht mehr Geld in die präventiven Hilfen, um Fremdunterbringung nicht dann zu verhindern? Und wenn nur 10 Prozent – das ist ein ganz einfaches Rechenbeispiel – 10 Prozent der Fremdunterbringung durch intensivierte ambulante Hilfen vermieden werden könnten, könnte man diesen Bereich um 40 Prozent aufstocken. Und das, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, das muss einfach unser Ziel sein. Die Kosten noch dazu im stationären Bereich sind ja exorbitant gestiegen. Plus 21 Prozent bei gleicher Kinderanzahl und plus 70 Prozent bei den Sondertagsätzen. Ich sage, Sparen bei den ambulanten Hilfen ist nicht nur kontraproduktiv, sondern gefährlich. Es bedeutet nämlich weniger Hilfen und weniger qualitätsvolle Hilfen. Es müssen kostengünstigere Anbieter dann genommen werden, was natürlich auch heißt, dass es schlechtes ausgebildetes und qualifiziertes Personal ist. Ich fordere daher nochmal, die absolute Priorität auf Prävention zu setzen und hier keinesfalls zu sparen. Beste Qualität für Personal, für die "Frühen Hilfen" über Schulsozialarbeit, Jugendcoaching, Jugendberatung bis zu den ambulanten Hilfen. Wenn wir hier sparen, haben wir später die Folgekosten. Und auch zum Abschluss einen wirklich großen Dank an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich Kinder-/Jugendhilfe. Es ist für mich einer der schwierigsten und belastendsten Fachbereiche überhaupt und mein Respekt und meine Wertschätzung gebührt allen Mitarbeiterinnen in diesem Bereich – ob in der Krisenintervention, der Gefährdungsabklärung, in den Wohneinrichtungen, in der Familienhilfe und vieles mehr. Herzlichen Dank. Wir werden dem Antrag, also dem Bericht, nicht zustimmen. (Beifall bei den GRÜNEN.)
Dritte Präsidentin Schmidt: Zu Wort gelangt Abgeordnete Karin Scheele, SPÖ.
Abg. Mag. Scheele (SPÖ): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Frau Landesrätin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Sehr geehrte Frau Landesrätin, leicht hast du es nicht. Unsere Fraktion wird dem Bericht über die NÖ Kinder- und Jugendhilfe sehr gerne zustimmen, weil ihr wahrscheinlich genau das Gleiche in unseren Gemeinden hört wie ich, und deswegen ich den Bericht schon auch notwendig finde, dass man die Aktivitäten ganz klar auflistet. Das Land hat weniger Geld, die Gemeinden haben weniger Geld und zumindest da, wo ich herkomme, aus dem Bezirk Baden, wo wir sehr froh sind über die gut ausgebauten Wiener U-Bahnen, weil wir schneller irgendwo sind und viele von uns arbeiten und studieren in Wien und das ist wirklich ein "added value". Bei uns wird gejammert und gesagt, da wird zu viel Geld ausgegeben, kürzen wir es, deshalb, glaube ich, sollte man nicht unterschätzen, dass es wichtig ist, dass man hier klar aufzeigt, was bei den "Frühen Hilfen", aber was auch bei der stationären Unterbringung geleistet wird. Und ja, ich glaube, alle von uns – inklusive unserer Landesrätin Eva Prischl – kämpfen dafür, dass wir keine Kürzungen haben bei den "Frühen Hilfen", dass wir eine Aufstockung haben bei der Schulsozialarbeit. Es ist über die letzten Jahre mühsam ja auch gelungen, hier kleine Verbesserungen zu bekommen. Zu glauben, dass wenn man mehr in Prävention gibt, dass ich mir bei der stationären Unterbringung ganz viel erspare, ist, glaube ich, an der Realität vorbei. Ich kann mich erinnern, wie ich Landesrätin war, haben wir gemeinsam beschlossen, eine Verdreifachung der präventiven Mittel. Damals haben schon die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu mir gesagt: "Wir finden das gut, weil wir mehr Unterstützungshilfe leisten können bei Familien, die es brauchen, aber, Frau Landesrätin, machen Sie sich keine Illusion: Wenn wir mehr Geld haben, umhinzuschauen, werden wir auch mehr Probleme entdecken." Das heißt, ihr habt mich auf... ich glaube, wir sind uns ja eh einig, dass das Kindeswohl an erster Stelle stehen soll, dass wir bei der Prävention in keinem sozialen Bereich sparen sollen... zu glauben, dann können wir dort, wo die großen Kosten anfallen, massiv einsparen, glaube ich, geht an der Realität vorbei. Und deswegen gibt es von mir auch ganz ein klares Bekenntnis, dass wir schauen müssen, dass auch in diesem wichtigen Bereich die Mittel in Zukunft zur Verfügung gestellt werden. Es hat ja immer schon – ist ja nicht neu – Diskussionen gegeben: Ist es besser, Familien zu unterstützen oder Kinder frühzeitig, wenn es notwendig ist, aus Familien rauszunehmen? Eine Zeit lang hat die Anschauung vorgeherrscht, so lange wie möglich in der Familie, dann haben manche Leute gesagt, die Kosten sind halt dann, wenn das Kind dann schon jugendlich ist, aus der Familie abgenommen wird, bei Weitem höhere, weil schon sozusagen manche Fehlentwicklungen und Störungen sozusagen viel mehr Aufwand bedürfen, um da zu helfen. Das heißt, ich möchte mich für die Fraktion der Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen auch bei allen Mitarbeiterinnen auf den Bezirksverwaltungsbehörden bedanken. Und ich glaube auch, wenn man wirklich etwas ändern will – und da bin ich bei der Kollegin Moser – dann bräuchte man eine Vervielfachung der Personen, die sich mit dem Thema Kinder- und Jugendhilfe auseinandersetzen. Dann würden uns auch nicht so viel ausbrennen, weil dann sind sie nicht nur die Krisenpolizei, sondern dann könnten sie auch Pflegeeltern in einem bei weitem umfangreicheren Ausmaß unterstützen. Ich glaube, dass das genaue Hinschauen – Was brauchen Pflegeeltern? Was brauchen Krisenpflegeeltern? – ein Ansatz ist, wo man realistisch gute Qualität, bessere Qualität liefern kann und auch Kosten sparen. Aber ich möchte mich natürlich bei allen Sozialarbeitern und Sozialarbeitern in den Landesjugendheimen, aber auch bei den privaten Trägern bedanken. Ich denke mir, da wird ganz wichtige, ganz wichtige Arbeit geleistet. Und liebe Frau Landesrätin, ich möchte mich auch bei dir bedanken. Ich weiß, in Zeiten von Sparbudgets ist es ganz schwierig, das Kindeswohl hochzuhalten und sich einzusetzen, dass in diesem wichtigen Bereich genügend Steuergeld zur Verfügung gestellt wird. Wir stimmen diesem Bericht sehr gerne zu. (Beifall bei der SPÖ.)
Dritte Präsidentin Schmidt: Zum Wort gelangt Abgeordnete Edith Mühlberghuber, FPÖ.
Abg. Mühlberghuber (FPÖ): Vielen Dank, Frau Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren, Abgeordnete! Sehr geehrte Frau Landesrat! Ja, wenn wir heute über den Kinder- und Jugendhilfebericht 2024 reden, dann reden wir nicht über abstrakte Tabellen, sondern wir reden über Kinder, die Schutz brauchen und über Familien, die an ihre Grenzen kommen. Der Bericht zeigt klar: Die Herausforderungen werden nicht weniger. Sie werden härter, komplexer und sie werden teurer. Der Bericht zeigt aber auch, immer mehr Kinder in Niederösterreich wachsen unter schwierigen Bedingungen auf und immer öfter müssen der Staat oder die Behörde eingreifen, weil es zu Hause einfach nicht mehr geht. Besonders alarmierend ist eines: Dass körperliche Gewalt erstmals der häufigste Grund für eine Kindeswohlgefährdung ist. Das ist keine Kleinigkeit. Das heißt auch, immer mehr Kinder erleben Gewalt dort, wo sie eigentlich Schutz und Geborgenheit finden sollten – in der eigenen Familie. Gleichzeitig sehen wir auch, dass viele Eltern überfordert sind. Überfordert durch finanzielle Sorgen, durch psychische Probleme und durch fehlende Stabilität. Das darf man nicht schönreden, aber man darf es auch nicht ignorieren. Ein weiterer Punkt sind die stark steigenden Kosten im stationären Bereich. Und der Bericht zeigt uns aus meiner Sicht ein bedenkliches Bild. Die Ausgaben für stationäre Betreuung sind im letzten Jahr um über 20 Prozent gestiegen, und das, obwohl nicht wesentlich mehr Kinder betroffen sind. Das zeigt, die Fälle werden schwerer, die Betreuung wird intensiver und die Probleme werden tiefer. Und besonders betroffen machen mich die Zahlen bei den kleinsten Kindern. Immer mehr Kinder unter vier Jahre kommen in stationäre Einrichtungen, und gleichzeitig geht die Zahl der Pflegefamilien zurück. Und das ist aus meiner Sicht eine ganz, ganz gefährliche Entwicklung, denn gerade die kleinsten Kinder brauchen Nähe, Beziehung, Stabilität. Ein Kind sollte in diesem Alter nie in einer Einrichtung aufwachsen müssen. Und Pflegefamilien leisten ja hier Großartiges, aber sie stoßen an ihre Grenzen. Immer weniger Menschen sind heute bereit, diese Verantwortung zu übernehmen. Darum brauchen wir jetzt endlich einmal eine echte Pflegefamilienoffensive. Das ist höchste, höchste Zeit. Und nicht nur schöne Worte, denn damit kann niemandem geholfen werden. Es braucht wirklich spürbare Unterstützung. Auch die Situation der Fachkräfte ist ernst. Sozialarbeiter und Psychologen arbeiten oft am Limit. Viele sind mit akuten Krisen beschäftigt und haben kaum noch Zeit für vorbeugende Arbeit. Und die Folge ist, dass Hilfe zu spät kommt. Und wenn Hilfe zu spät kommt, wird es teuer und für die Kinder auch belastender. Besonders erregend und auffällig ist für mich auch die psychische Lage unserer Kinder und Jugendlichen. Das ist Stress, die leben in einer Einsamkeit, Selbstverletzungen nehmen deutlich zu. Das sind keine Randthemen, das sind Alarmsignale einer Generation, die Halt, Orientierung und klare Strukturen brauchen. Der Bericht zeigt auch darauf hin: Wir dürfen nicht immer nur reagieren, wenn es eskaliert ist. Wir müssen früher helfen, Familien stärken und Kinder schützen, bevor Gewalt entsteht. (Beifall bei der FPÖ und Abg. Krumböck, BA.) Uns muss ganz deutlich klar sein: Kinder brauchen Sicherheit, Familien brauchen Stabilität und das System braucht klare Prioritäten. Kinderschutz darf nicht ideologisch sein. Es muss praktisch, wirksam und verantwortungsvoll sein. Der Bericht ist eine klare Aufforderung an uns alle. Und Kinderschutz heißt: hinschauen, handeln, Verantwortung übernehmen, und zwar so, damit Prävention wirkt, damit Krisen weniger werden und damit Kinder in Niederösterreich sicher behütet und mit Perspektive aufwachsen können. Vielen Dank. (Beifall bei der FPÖ.)
Dritte Präsidentin Schmidt: Zum Wort gelangt Abgeordnete Doris Schmidl, ÖVP.
Abg. Schmidl (ÖVP): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Landesrätin! Hohes Haus! "Kinder sollen sorgenfrei und behütet aufwachsen. Sie brauchen Flügel und Wurzeln, um ein selbstbestimmtes Leben zu leben", so lautet das Vorwort unserer Landeshauptfrau. Doch leider ist es nicht für alle Kinder so. Wir in Niederösterreich wissen, dass nicht alle Kinder die gleichen Chancen haben. Ich danke der Jugendhilfe beim Amt der NÖ Landesregierung sowie allen, die im Sinne der NÖ Jugend- und Kinderhilfe ihren Beitrag leisten. Die NÖ Kinder- und Jugendhilfe steht weiterhin vor vielfältigen gesellschaftlichen Herausforderungen und stellt gleichzeitig den Anspruch an sich selbst, sich zugunsten der Kinder weiterzuentwickeln. Digitale Veränderung, soziale Ungerechtigkeit, weltpolitische Instabilität, aber auch psychische Belastungen erfordern nicht nur flexible Betreuung für unsere Kinder, sondern verlangt besondere Unterstützung. Unterstützung, die den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen abverlangt wird. Aus diesem Grund werden für die kommenden Jahre folgende inhaltliche organisatorische Schwerpunkte gesetzt. Ich möchte sechs Punkte auflisten:
1. Aus- und Weiterbildung für Mitarbeiter, die erforderliche Kompetenz und das notwendige Wissen zum Aktuellen und zu den Trends vermitteln können.
2. Krisenplätze: Krisenplätze dienen zur kurzzeitigen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Akutfällen. Aus diesem Grund wird festgestellt, neben dem alltäglichen Bedarf auch kurzzeitige Pflegeplätze oder Krisenplätze zu schaffen. Ein Gebäude mit einem Betrieb in einem Krisenzentrum zur Betreuung von acht Minderjährigen wird voraussichtlich im Raum Gänserndorf entstehen.
3. Die Pflegeoffensive: Die Versorgung und Betreuung in Familien decken am besten die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen. Durch diese Form der Betreuung können Kinder entsprechend ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten in den Familienverbänden gestärkt heranwachsen. Ziel ist, auf eine gegenseitige Sicherheit und Stabilität aufbauen zu können mit den Pflegeeltern. Aufgrund der Versorgungslücken zwischen dem Bereich der Kinder-/Jugendhilfe und dem psychiatrischen Bereich wurde die Wohngruppe "Refugium" als bedarfsdeckender Wohnraum im niederösterreichischen SBZ Hinterbrühl konzipiert. Die Umsetzung wurde bereits 2024 gestartet und wird nach der anfänglichen Abstimmung untereinander fortgesetzt.
4. Schulsoziale Arbeit: Zusätzlich zu den Investitionen des Landes in einer Kooperation mit Gemeinden und Schulsozialarbeit wird die Leistung psychosoziale Versorgung im Raum schulsozialer Arbeit als Kooperation zwischen Bund und Land und den Gemeinden und den Pflichtschulen forciert. In den kommenden Jahren soll auf Basis der vorhandenen finanziellen Mittel eine Aufstockung der schulsozialen Arbeit versorgt und flächendeckend erfolgen.
5. Ein Zentrum für Kinder- und Jugendhilfe: Die Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kinder- und Jugendhilfe an den Universitäten für Weiterbildung Krems brachte im Jahr 2030 das Projekt zur Evaluierung der Maßnahmen in der NÖ Kinder- und Jugendhilfe hervor. Die kommenden Jahre werden den Abschluss der theoretischen Projektarbeiten dienen und insbesondere den Fokus auf die Umsetzung des Projektes mit Projektpartnern in dem Bereich "volle Erziehung" liegen.
6. Unterstützung bei der Erziehung: Positiv aufgefallen ist, dass bei den Betreuungsleistungen unter sechs Jahren die Zahlen gesunken sind. Steigend sind jedoch die Zahlen der 6- bis 15-Jährigen.
Ich denke, wir haben in den nächsten Jahren noch viel zu tun für unsere Jugend, für unsere Kinder. Wir arbeiten an der besten Zukunft für unsere Kinder und ich wünsche unseren Kindern schöne Semesterferien. Vielen Dank. (Beifall bei der ÖVP und Präs. Mag. Wilfing.)
Dritte Präsidentin Schmidt: Die Rednerliste ist erschöpft.
Abweichungen zwischen Text und Video möglich.