Zusammenfassung
Antrag des Bildungs-Ausschusses
Verhandlungsgegenstand
- VerhandlungsgegenstandLtg.-873/XX-2025 – Erhalt und Weiterentwicklung der Sonderpädagogik und der Sonderschulen
Video-Übertragung der Sitzung
Auszug aus dem Sitzungsbericht
Abg. Dammerer (ÖVP): Sehr geehrte Frau Präsidentin! Geschätzte Kolleginnen und Kollegen! Wie bereits von meinen Vorrednerinnen und Vorrednern ausgeführt wurde, gibt es in Österreich seit dem Jahr 2015 keine eigenständige Ausbildung für Sonderpädagogik mehr. Damals wurde eine vertiefende, spezialisierte Ausbildung abgeschafft, in der angehende Pädagoginnen und Pädagogen wissenschaftliche, didaktische und förderdiagnostische Kompetenzen erwerben konnten: eine fundierte Ausbildung mit hohem Praxisbezug, intensiver Vernetzung und einer gezielten Vorbereitung auf die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern unter erschwerten Lernbedingungen. Heute hingegen wird Inklusion lediglich als Schwerpunkt innerhalb der allgemeinen Lehramtsausbildung angeboten. Das ist per se nicht schlecht, aber aus zahlreichen Erfahrungsberichten aus der Praxis wissen wir: Diese Variante ist weder ausreichend intensiv – wie wir schon gehört haben – und auch nicht ausreichend attraktiv. Und das ist das Problem, denn der Bedarf steigt. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt kontinuierlich, und zwar in allen Schulformen. Wir sind der klaren Überzeugung: Jedes Kind hat Recht auf Bildung. Jedes Kind hat ein Recht auf eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Und jedes Kind verdient die Chance, sein individuelles Potenzial zu entfalten, unabhängig davon, ob es mit oder ohne Beeinträchtigungen aufwächst. Kinder mit Lern- und Entwicklungsbeeinträchtigungen, Kinder mit Schwerstbehinderung brauchen besondere Unterstützung. Für manche gelingt dies im integrativen Unterricht in Regelklassen, für viele andere jedoch nicht. Sie brauchen kleinere, individuellere Lernsettings. Sie brauchen klare Strukturen, ein angepasstes Lerntempo, weniger Reizüberflutung, weniger Leistungs- und Vergleichsdruck. Große Gruppen überfordern sie. Genau hier leisten unsere allgemeinen Sonderschulen einen unverzichtbaren Beitrag, und sie leisten ein flexibles Angebot, wie von Kollegin Collini gefordert. Wir haben in Österreich auch dieses Zwei-Säulen-System mit der Inklusion und der Variante der Sonderschule und seit den 90er-Jahren auch echte Wahlfreiheit für die Eltern. Und ich möchte hier an dieser Stelle ganz bewusst eine Lanze für unsere ASOS brechen. Allgemeine Sonderschulen sind Orte der individuellen Förderung. Orte, an denen Kinder und Jugendliche mit körperlichen, seelischen oder geistigen Beeinträchtigungen jene Aufmerksamkeit, Unterstützung und pädagogische Expertise erhalten, die sie brauchen. Orte, an denen ihre Herausforderungen verstanden werden. Hier werden Kinder gefordert, aber nicht überfordert. Ihre Fähigkeiten werden gezielt gefördert, Alltagskompetenzen vermittelt und Selbstständigkeit aufgebaut, um ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Betroffene Eltern schätzen diese Bildungseinrichtungen sehr. Immer wieder hören wir von ihnen, dass ihr Kind im regulären Schulsystem – so engagiert dieses auch sein mag – untergehen würde. Eine Direktorin hat mir auch berichtet: "Wir haben eine ganz tolle ASO in Ybbs. Hier ziehen Eltern extra zu, weil sie dieses Angebot speziell nutzen möchten." Ebenfalls eine Direktorin einer allgemeinen Sonderschule hat mir eindrucksvoll geschildert, welche Erfolge auch möglich sind. Durch gezielte schulische Förderung, ergänzende Zusatzangebote und die Zusammenarbeit mit außerschulischen Therapien können bestehende Defizite deutlich reduziert, in manchen Fällen sogar überwunden werden. Das ist ein Erfolg für jede einzelne und jeden einzelnen Schüler und Schülerin, für die Eltern und für die engagierten Lehrerinnen und Lehrer. Und weil von den Chancen gesprochen wurde: Ein Direktor eines Polytechnikums hat mir auch berichtet, dass es einen tatsächlich großen Unterschied gibt von Kindern, die in einer Schulklasse "mitgelaufen" sind oder Kinder, die speziell aus einer ASO kommen. Das muss unser Ansporn sein! Bringen wir nicht alle Kinder zwanghaft auf dasselbe Niveau! Fördern wir das Individuum! Lassen wir nicht zu, dass Kinder mit oder ohne Beeinträchtigungen auf der Strecke bleiben, weil wir Bildung ausschließlich standardisieren! Liebe Kollegin Collini, ich weiß nicht, ob sie mittlerweile eingetroffen ist. Noch nicht... ist auch sehr schade, weil sie hat alle Reden von uns verpasst, obwohl es ihr scheinbar so wichtig war. Ich würde ihr sehr ans Herz legen: Besuchen Sie unsere ASOS in Niederösterreich! Sie werden sehen: "One size fits all" geht nicht. Sie werden sehen, wie großartig hier gearbeitet und gefördert wird. Das ist unser eigenständiger Weg in Niederösterreich. (Beifall bei der ÖVP und Präs. Mag. Wilfing.) Daher fordern wir heute den Bundesminister für Bildung nachdrücklich auf, die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen und wieder eine eigenständige, attraktive Ausbildung für Sonderpädagogik zu ermöglichen, um den hohen Anforderungen eines qualitätsvollen Unterrichts für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gerecht zu werden. Und weil ich jetzt gerade am Rednerpult stehe, möchte ich abschließend noch einen dringenden Appell weitergeben, den zahlreiche Pädagoginnen aus Kindergärten und Schulen an mich herangetragen haben. Sie alle eint ein ganz zentrales Anliegen. Immer mehr Kinder kommen mit erheblichen Defiziten in ihren sozialen, emotionalen und kommunikativen Kompetenzen in unsere Bildungseinrichtungen. Ein wesentlicher Grund dafür ist ein übermäßiger und oft unbegleiteter Medienkonsum. Die Folgen sind gravierend. Körperliche und geistige Entwicklungsverzögerungen, Konzentrationsprobleme und massive Auswirkungen auf die gesamte kindliche Entwicklung. So engagiert unsere Pädagoginnen und Pädagogen auch sind, Bildungseinrichtungen können elterliche Verantwortung nicht ersetzen. Bildung kann nur gemeinsam gelingen. Sie beginnt im Elternhaus, in der Familie, im täglichen Vorleben von Beziehung, Kommunikation und Grenzen. Was dort versäumt wird, kann im institutionellen Rahmen oft nur schwer oder gar nicht aufgeholt werden. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder zu selbstständigen, verantwortungsbewussten und sozial kompetenten Menschen heranwachsen, dann ist das ein gemeinsamer Kraftakt. Bildung ist keine Aufgabe Einzelner, sondern einer gemeinsamen Verantwortung von Politik, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Eltern. Unsere Kinder haben nur eine Kindheit. Und wir tragen gemeinsam die Verantwortung, ihnen die bestmöglichen Voraussetzungen für ihren weiteren Lebensweg zu geben. Lassen Sie uns dieser gemeinsamen Verantwortung gerecht werden für die beste Zukunft unserer Kinder! (Beifall bei der ÖVP, Präs. Mag. Wilfing und Abg. Dorner.)
Abweichungen zwischen Text und Video möglich.
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- Melk
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- Landtagsklub der Volkspartei Niederösterreich
- Wahlpartei:
- LH Johanna Mikl-Leitner VP Niederösterreich